Tukan im Amazonas
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19. Januar 2018

«Umweltzerstörung wird inakzeptabel»

Der Engländer Mark Aldrich ist stellvertretender Leiter des globalen WWF-Waldprogramms. Im Interview erzählt er, was seine Arbeit einzigartig macht, was ihn an Bäumen fasziniert, und was jeder tun kann, um dem Wald zu helfen.

Der Klimawandel ist die grösste Bedrohung für Wälder weltweit, und wir müssen dieses Problem auf globaler Ebene lösen.

Mark Aldrich, was ist genau dein Job?

Ich bin «Deputy Leader» des globalen Waldprogramms. Als solcher koordiniere ich die vielen Bemühungen des WWF-Netzwerks, unsere Wälder zu schützen. Im Moment wende ich einen grossen Teil meiner Zeit für operative, interne Prozesse auf – was heisst, dass ich sehr viel vor dem Computer sitze und zu viele E-Mails schreibe (lacht). Spannend finde ich an meiner Arbeit, dass ich wie ein Dirigent die verschiedenen Ansätze für Waldschutz, die weltweit angewendet werden, verbinde und zusammenhalte. Ich führe das internationale Netzwerk an und arbeite mit den Partnern auf globale und kollektive Aktionen und Projekte hin.

Wieso hast du dich für diesen Job entschieden?

Ich arbeite seit zwanzig Jahren für den WWF. Ich liebe es, für diese Organisation zu arbeiten, wegen ihres einzigartigen Setups: Der WWF arbeitet global, er ist eine globale Autorität und er erreicht globale Entscheidungsträger. Gleichzeitig hat er aber auch eine unglaublich starke lokale Präsenz in rund hundert Ländern, und er leistet grossartige Feld- und Projektarbeit.

Natürlich habe ich mich auch für diesen Job entschieden, weil ich eine Leidenschaft für die Wälder habe. Ich bin ausgebildeter Forstingenieur, und seit ich ein Kind war, liebe ich Bäume und Wälder.

Was sind die grössten Herausforderungen für unsere Wälder?

Der Klimawandel ist die grösste Bedrohung für Wälder weltweit, und wir müssen dieses Problem auf globaler Ebene lösen. Konkret ist eines der grössten Probleme, dass der Wert eines intakten Waldes von Regierungen und anderen wichtigen Entscheidungsträgern nicht genügend wertgeschätzt wird. Damit meine ich den wirtschaftlichen Wert eines Waldes, aber in einem sehr breiten Sinn. Wälder können zum Beispiel die Lebensqualität und den Wohlstand der Menschen steigern und die Qualität eines Ökosystems, was wiederum wirtschaftlichen Nutzen haben kann. Druck auf die Wälder wird vor allem durch Abholzung ausgeübt: Um Platz für Landwirtschaft und Infrastruktur zu schaffen, aber auch für Waldprodukte wie Holz und Papier.

Man kann sagen, dass die Wälder auf dem ganzen Planeten bedroht sind. Die Bedrohungen sind vielfältig: Waldrodungen, um Platz für Nutztiere und Soja-Produktion zu schaffen, sind in Lateinamerika ein grosses Problem. Rodungen für Palmöl-Produktion sind ein Problem in Asien, Abholzung für Brennholz und für Landwirtschaft in Afrika. Die Gefahren für Wälder in Europa sind vergleichsweise kleiner, aber immer noch ernst. Man darf nicht vergessen, dass in Europa sehr grosse Waldflächen bereits vor Hunderten von Jahren gerodet wurden und nun nur noch sehr wenig Wald übrig ist. Diese kleinen Flächen sind aber immerhin recht gut geschützt.

Mark Aldrich, Deputy Leader Global Forest Practice
Mark Aldrich (zweiter von rechts) mit Kollegen von IKEA und WWF in Rumänien

Mark Aldrich: «Der Wald hat mich schon immer fasziniert.»

Die Stärke des WWF ist, dass er dank seiner Grösse, seiner Geschichte und seiner Verlässlichkeit starke Beziehungen auf allen Ebenen aufbauen kann. Ich möchte hier noch einmal betonen, wie einzigartig diese Organisation ist.

Wenn wir das Wort «Wald» zusammen mit «schützen» hören, reden wir meistens über tropische Regenwälder. Sind andere Waldtypen ebenfalls bedroht?

Ja, auch wenn die Gefahren etwas anders sind als jene für den tropischen Regenwald. Der Klimawandel ist natürlich eine Gefahr für alle Waldtypen. In der nördlichen Hemisphäre, vor allem in Russland und Nordamerika, aber auch im Mittelmeerraum, werden Waldbrände mehr und mehr zu einer Gefahr für die Wälder. Das Klima ist in vielen Regionen trockener geworden, und Feuer brechen leichter aus. Die nördlichen, borealen Wälder sind zudem durch vermehrte und verstärkte Abholzung unter Druck.

Waldschutz findet inmitten der häufig gegensätzlichen Interessen von lokalen und nationalen Autoritäten, von nationalen und internationalen Firmen und der Lokalbevölkerung statt. Wie geht der WWF mit diesen Spannungen um?

Die Stärke des WWF ist, dass er dank seiner Grösse, seiner Geschichte und seiner Verlässlichkeit starke Beziehungen auf allen Ebenen aufbauen kann. Ich möchte hier noch einmal betonen, wie einzigartig diese Organisation ist: Sie hat Büros in so vielen Ländern, mit einer lokalen Präsenz vor Ort, die es ihr erlaubt, mit Schlüsselpersonen aus Wirtschaft und Regierung zusammenzuarbeiten, mit anderen NGOs und mit der Zivilgesellschaft. Der WWF spielt häufig eine wichtige Rolle darin, diese verschiedenen Beteiligten an einen Tisch zu bringen. Wir streben eine konstruktive Debatte an, auch mit der Privatwirtschaft, zum Beispiel mit den Holzfirmen. Das ist natürlich sehr zeitaufwendig. Wir müssen die wirtschaftlichen Realitäten berücksichtigen und die Firmen häufig beim allerkleinsten gemeinsamen Nenner treffen. Veränderung braucht so natürlich sehr lange. Aber wir versuchen immer, Firmen und Führungspersönlichkeiten zu finden, die eine Vorreiterrolle übernehmen und zeigen, dass es sich längerfristig lohnt, zu nachhaltigen Wirtschaftsmodellen zu wechseln. Und wenn Dialog zu nichts führt und gar nichts mehr geht, dann wechseln wir beim WWF in den Kampagnen-Modus und setzen die Firmen unter Druck, indem wir die breite Öffentlichkeit hinter unser Anliegen bringen.

Welches ist dein liebstes WWF-Wald-Projekt?

Das ist eine schwierige Frage! Es gibt so viele tolle Projekte in allen Regionen der Welt. Ein Projekt, das ich besonders mag, ist in Ostafrika. Dort werden Gemeinde-Entwicklung und Umweltschutz kombiniert. Die Menschen lernen neue Erwerbsmöglichkeiten kennen, die ihnen ein grösseres Einkommen ermöglichen und die Wälder weniger belasten. Wenn sie alternative Einkommensquellen haben, sind sie beispielsweise nicht mehr auf Buschfleisch angewiesen. Wenn sie nachhaltige Fischereimethoden kennen, müssen sie Fische nicht mehr mit Dynamit jagen. Diese Projekte in Ostafrika ermöglichen den Gemeinden Zugang zu Märkten für nachhaltige Produkte, so dass sich der Zusatzaufwand für die Menschen finanziell auch lohnt. Natürlich ist die Skalierbarkeit bei solchen kleinen Projekten schwierig. Aber wenn wir mit diesen Projekten Fortschritte erzielen, sind sie häufig ein Vorzeigebeispiel, um regionale oder nationale Waldpolitik zu beeinflussen.

Blick in die Baumkronen im Amazonas-Regenwald

Wälder faszinieren und inspirieren

Meine Inspiration ist der Wald selber. Seine Widerstandsfähigkeit und seine Fähigkeit, sich zu heilen und wieder zu wachsen, wenn man ihn in Ruhe lässt, ist unglaublich.

Was bedeutet dir der Wald persönlich?

Der Wald hat mich schon immer fasziniert. Eine Erinnerung, die mir sehr lieb ist, hat sogar mit dem Schwarzwald zu tun, also nicht so weit weg von hier. Ich habe hier als 11-Jähriger Ferien gemacht. Ich erinnere mich daran, dass ich von den Bäumen dort völlig überwältigt war. Ich fühlte mich wie in einer Kathedrale. Ich machte an diesem Tag eine sehr spirituelle Verbindung zum Wald. Und ich finde es sehr schön, dass ich heute, viele Jahre später, wieder in dieser Weltregion bin, um mit meiner Arbeit etwas zum Schutz dieser wunderbaren Orte beizutragen.

Was inspiriert dich, immer weiter für die Wälder zu arbeiten? Und was macht dir Hoffnung, dass sich deine harte Arbeit auszahlen wird?

Meine Inspiration ist der Wald selber. Seine Widerstandsfähigkeit und seine Fähigkeit, sich zu heilen und wieder zu wachsen, wenn man ihn in Ruhe lässt, ist unglaublich. Und auch wenn man den Eindruck haben könnte, dass sich nichts verbessert in Bezug auf den Waldschutz, zeigt mir meine Erinnerung ein anderes Bild: Verglichen mit der Anfangszeit meiner Karriere im Waldschutz hat definitiv eine Veränderung in der Wahrnehmung der Natur stattgefunden. Der Wert eines gesunden Planeten ist für die Menschen immer wichtiger geworden, und ich bin sicher, dass die öffentliche Aufmerksamkeit für dieses Thema bald so gross ist, dass die Menschen Umweltzerstörung inakzeptabel finden werden.

Was kann ich tun, um den Wäldern zu helfen?

Gehen Sie hinaus in die Natur und spazieren Sie in den Wäldern in Ihrer Nähe. Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit, sie wertzuschätzen, und nehmen Sie wahr, wie Sie sich inmitten der Bäume fühlen.

Unterstützen Sie unsere Bemühungen, eine nachhaltige Waldwirtschaft zu etablieren, indem Sie bei Einkäufen fragen, woher Holz und Papierprodukte kommen, reduzieren Sie Ihren Papierkonsum und halten Sie Ausschau nach dem FSC-Label.

Essen Sie weniger Fleisch, ziehen Sie pflanzliche Nahrungsmittel tierischen vor – das ist besser fürs Klima und für den Waldschutz.

Baobab Bäume in Madagaskar
Orang-utan mit Baby

Einzigartige Vielfalt: Wälder in Madagaskar und Sumatra

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